Hospitalismus
Unter Hospitalismus (ursächlich auch Deprivationssyndrom genannt) versteht man alle negativen körperlichen und seelischen Begleitfolgen eines längeren Krankenhaus- oder Heimaufenthalts. Dies beinhaltet auch mangelnde Umsorgung und lieblose Behandlung von Babys und Kindern, in der Psychiatrie Symptome infolge von Heimaufenthalt, oder durch Folter oder Isolationshaft. Der Ausdruck Deprivationssyndrom stammt vom Begriff Deprivation, lateinisch deprivare - berauben in Bezug auf Reize und Zuwendung.
Je nach Ursache und Schweregrad spricht man beim Hospitalismus auch von psychischem Hospitalismus (Deprivationssyndrom) oder von infektiösem Hospitalismus. Ist die Vernachlässigung hauptsächlich seelischer/emotionaler Art, spricht man von psychischem Hospitalismus (Deprivationssyndrom). Besteht die Vernachlässigung im Vorenthalten pflegerischer sowie fürsorgerischer Maßnahmen oder ist die seelische Deprivation so schwerwiegend, dass sie sich sowohl seelisch als auch körperlich manifestiert, spricht man von Hospitalismus. Eine klare Trennung der Termini kann jedoch nicht oder nur grob erfolgen, denn die Übergänge sind fließend, und es sind stets die individuellen Umstände zu berücksichtigen. Es wird davon ausgegangen, dass eine schwere seelische Deprivation auch körperliche Folgen nach sich zieht und umgekehrt, bei schwerer pflegerischer Vernachlässigung, auch psychische Symptome auftreten.
Hospitalismus kommt überall dort vor, wo Menschen „wie am Fließband“ und unter „Zeitdruck“ „abgefertigt“ werden, und ist zu finden in Alten-, Pflege- und Kinderheimen, in Krankenhäusern, und es ist auch in Familien anzutreffen, in denen die Eltern mit der Pflege der Kinder überfordert sind und diese schwerer physischer und psychischer Vernachlässigung sowie Misshandlung ausgesetzt werden.
Hospitalismusfördernd ist außerdem das Fehlen optischer sowie akustischer Stimulation:
* wenn Kinder in Waisenhäusern ausschließlich im Gitterbett „gehalten“ werden und keine Möglichkeit haben, sich selbstständig in der Umgebung zu bewegen und z. B. im Garten und/oder mit den anderen Kindern zu spielen (siehe hierzu René A. Spitz; Harry Harlow)
* längere Fixierung alter oder psychisch kranker Menschen in Pflegeheimen oder Psychiatrien
* Fehlen von sensorischer Stimulation in Kliniken: Farben, Bilder, Musik
Symptome und Beschwerden des Hospitalismus
Je nach individueller Situation des von Vernachlässigung Betroffenen kommen nicht alle Symptome vor oder sind je nach Ursache eher körperlicher oder eher seelischer Natur. Folgende Symptome aufgrund von Vernachlässigung können auftreten:
* Erhöhte Krankheitsanfälligkeit und Sterblichkeit der Säuglinge und Kinder, vermehrtes Auftreten von Infektionskrankheiten
* Störungen des Appetits (Appetitverminderung oder übermäßige Esslust), Essen wird gesammelt und irgendwo eingelagert, z. B. unterm Bett (bei Kindern, die neben der Vernachlässigung auch Hunger erfahren haben)
* motorische Verlangsamung, ungenügende Reaktionsfähigkeit
* passive Grundstimmung, Teilnahmslosigkeit bis zur Apathie
* Kontaktstörungen und Wahrnehmungsstörungen, die dem Autismus stark ähneln können
* Erzwingen von Aufmerksamkeit, stehlen, lügen (bei Kindern)
* Resignation, Anaklitische Depression
* mögliche Entwicklung einer reaktiven Bindungsstörung, einer Anpassungsstörung oder Borderline-Persönlichkeitsstörung als Folge der Resignation (bei Kindern aufgrund sehr langen Heimaufenthalts und extremer Deprivation sowie Fehlen von „Nestwärme“)
* motorische Unruhe und Stereotypien wie z. B. Jaktation (Jactatio capitis - Kopfwackeln, Jactatio corporis - Schunkeln) bis zur Selbstverletzung (zum Beispiel Anschlagen mit dem Kopf an die Wand), ständiges Umhergehen
* Störungen der Aufmerksamkeit und der Konzentration, schnelle Ermüdbarkeit
* geringe/fehlende Frustrationstoleranz (Neigung zu Wutanfällen), Aggressionen und Reizbarkeit
* mangelnde soziale Integration oder gar keine Sozialisation, Neigung zu „asozialem“ Verhalten
* verstärktes Daumenlutschen
* körperliche Retardierung (zum Beispiel Minderwuchs oder Abmagerung durch mangelhafte Ernährung), Marasmus, schlechte Zähne
* ungepflegtes Äußeres, verschmutzte und zerlumpte Kleidung, mangelnde Körperhygiene
* intellektuelle und emotionale Retardierung, die das Ausmaß einer geistigen Behinderung annehmen kann („Pseudodebilität“),
* Angstzustände, ängstlich-vermeidendes Verhalten,
* Störungen der Konzentration und der Aufmerksamkeit,
* Lernstörungen
* Leistungsschwäche
* Depressionen und Weinerlichkeit, depressive Grundstimmung
* geringes Selbstwertgefühl
* mangelhaftes Gefühl von Geborgenheit und wenig Urvertrauen (bei Kindern)
* Verantwortungslosigkeit gegenüber sich selbst und den Mitmenschen
* mangelnde Kritikfähigkeit, gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber Kränkungen
* Regredierung, Regression, Abbau kognitiver Fähigkeiten, erworbene Fähigkeiten gehen wieder verloren, ein Zurückgreifen auf frühere Verhaltensweisen, dies häufig bei Menschen in Altersheimen oder Krankenhäusern
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